ost-euphemismen

Platte

jeden abend, wenn ich auf meiner arbeitstour durch königshufen, eins von görlitz' plattenbau-vierteln fahre, muss ich aufs neue vor mich hin grinsen. die leute, die mich da alleine im auto sitzend und grinsend sehen, halten mich bestimmt für meschugge... :o)

der grund dafür sind jedenfalls die herrlichen straßennamen, die sich die ddr-stadtplaner ausgedacht haben, um der tristen ölsardinen-konserven-atmosphäre einen hauch, eine illusion von idylle zu verleihen. darunter findet man namen wie "am wiesengrund", "am feierabendheim", "am jungbrunnen", "am jugendborn", "an der terrasse" und so weiter.

ich frage mich manchmal, was wohl die menschen damals gedacht haben. als die platte gerade neu gebaut war, und ihnen dort wohnungen zugewiesen wurden. waren sie erschrocken? traurig? oder war das damals einfach unwichtig? oder gab es erst mal eine welle der begeisterung für den sozialismus, so dass man gerne im kollektiv gewohnt und gelebt hat, gleich unter gleichen? (und wieder einmal wird mir klar, wie wenig ich eigentlich weiß, über die geschichte meines landes, die ja auch ein stückweit meine eigene ist...)

ich jedenfalls muss erstmal grinsen, und dann werde ich nachdenklich. und immer wieder fällt mir ein gedicht ein, das ich damals im deutschunterricht gelernt habe, und das so beginnt:

Nah wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
grau geschwollen wie gewürgte stehn.
....
Alfred Wolfenstein: Städter
Julian (anonym) - 1. Jun, 07:30

jaja das gedicht hatten wir auch letztes jahr, nur ich kanns net auswendig oO...
bis morgen abend :D.

Esmerelda - 1. Jun, 15:50

Plattenbau bzw. Platte hieß es erst viel später ... vorher waren es Neubauwohnungen, oder Blöcke mit Spitznamen, d.h. der 100er ... war ein Block mit insgesamt 100 Wohneinheiten (so heißt der Block heute noch inoffiziell).
Als Anfang der 70er bei uns in der Stadt die ersten Blöcke entstanden waren die Wohnungen heiß begehrt. Das war auch fast die ganz DDR-Zeit so, zumindest wie ich es aus meinem damaligen Umfeld mitbekommen habe. Um diese Wohnungen wurde sich beworben bei der Genossenschaft. Ich weiß nicht ob die überall AWG (Arbeiterwohnungsgenossenschaft) hieß. Die Vergabe erfolgte dann nach mir nicht bekannten Kriterien (da sollte ich mal meine Mutter nach fragen ....). Dann mussten Genossenschaftsanteile gezahlt werden, einen Teil (oder alle?) konnte man durch Arbeitseinsätze bei der Genossenschaft abarbeiten ...
Die Wohnungen waren neu, modern, hatten alle ein Bad! und sogar Fernheizung. Leere Wohnungen gab es da in den Blöcken zu DDR-Zeit nicht (wäre mir zumindest nicht bekannt).

Im Kollektiv wohnen .... jein ... es gab eine Hausgemeinschaft und auch einen Hausobmann, allderdings funktionierte das nicht immer gut. Beim Hausobmann musste z.B. angegeben werden wenn Westbesuch kam, der musste sich dann ins Hausbuch eintragen, zusätzlich zu der ohnehin bestehenden Meldepflicht.
An das Hausbuch kann ich mich noch gut erinnern, auch wie es aussah, aber wann wer was reinschreiben musste ... das weiß ich nicht mehr. Es wurde auch nicht immer alles gaaanz genau genommen ;-)

Ich stelle gerade fest, das ich vieles gar nicht mehr abrufbar im Kopf habe und mir über solche Dinge auch nie wirklich Gedanken gemacht habe.

Liebe Grüßlis
Esme

Hans Wurst (anonym) - 24. Okt, 11:00

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