ost-euphemismen

jeden abend, wenn ich auf meiner arbeitstour durch königshufen, eins von görlitz' plattenbau-vierteln fahre, muss ich aufs neue vor mich hin grinsen. die leute, die mich da alleine im auto sitzend und grinsend sehen, halten mich bestimmt für meschugge... :o)
der grund dafür sind jedenfalls die herrlichen straßennamen, die sich die ddr-stadtplaner ausgedacht haben, um der tristen ölsardinen-konserven-atmosphäre einen hauch, eine illusion von idylle zu verleihen. darunter findet man namen wie "am wiesengrund", "am feierabendheim", "am jungbrunnen", "am jugendborn", "an der terrasse" und so weiter.
ich frage mich manchmal, was wohl die menschen damals gedacht haben. als die platte gerade neu gebaut war, und ihnen dort wohnungen zugewiesen wurden. waren sie erschrocken? traurig? oder war das damals einfach unwichtig? oder gab es erst mal eine welle der begeisterung für den sozialismus, so dass man gerne im kollektiv gewohnt und gelebt hat, gleich unter gleichen? (und wieder einmal wird mir klar, wie wenig ich eigentlich weiß, über die geschichte meines landes, die ja auch ein stückweit meine eigene ist...)
ich jedenfalls muss erstmal grinsen, und dann werde ich nachdenklich. und immer wieder fällt mir ein gedicht ein, das ich damals im deutschunterricht gelernt habe, und das so beginnt:
Nah wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
grau geschwollen wie gewürgte stehn.
....
Alfred Wolfenstein: Städter
PhOeNiXe - 31. Mai, 10:36












